Juli 14, 2020

Der Anfang

Um die Wende des 20. Jahrhunderts kam Ludvigs Neiburgs, jung und voller Kraft nach Riga. Er fuhr mit einem Boot entlang der Düna, die zu dieser Zeit viele Stromschnellen hatte und noch keine Wasserkraftwerke, die den Weg versperren könnte.

Autor: Pauls Bankovskis

Um die Wende des 20. Jahrhunderts kam Ludvigs Neiburgs, jung und voller Kraft nach Riga. Er fuhr mit einem Boot entlang der Düna, die zu dieser Zeit viele Stromschnellen hatte und noch keine Wasserkraftwerke, die den Weg versperren könnte. Mit dem Boot wurde Heu zum Rigaer Markt am Flussufer gebracht, denn in der Stadt gab es viele Pferde zu füttern. Leichte Pferdedroschken wurden für den öffentlichen Verkehr verwendet, während schwere Droschken für die Beförderung von Gütern genutzt wurden. Damals war es üblich, dass Menschen, die vom Land in die Stadt kamen, bei ihren Verwandten, Freunden oder Bekannten Unterschlupf in Notlagern unter Tischen fanden. Tagsüber ging es zu schweren Arbeiten auf Baustellen in einer der vielen neuen Fabriken oder wo Neubauten in der Stadt entstanden und anderswo, wo Manneskraft gebraucht wurde. Ludvigs war keine Ausnahme, dennoch sehnte er sich selber Baumeister, Bauherr und Eigentümer von Stadtgebäuden zu werden.

Als er in die Stadt kam, verwandelte er sich von einem Heubootpassagier zu einem Maurer. Die schwerste Aufgabe für die Maurer war es, Ziegel in die oberen Stockwerke des Neubaus zu tragen. Auf Holztragen, die selbst nicht leicht waren, mussten die Ziegel entlang eines wackeligen Gerüsts hochgetragen werden. So begann Ludvigs Arbeitsleben.

Aber Ludwig war stark und einfallsreich. Er wurde schnell in der Gesellschaft der Rigaer Bauherren und Architekten bekannt und begann bald in Zusammenarbeit mit den bekanntesten Architekten seiner Zeit eigene Gebäude zu bauen.

1903 baute Ludvigs Neiburgs ein Mietshaus im damals beliebten Jugendstil, das sich im Herzen der Rigaer Altstadt in der Nähe des Rathauses befindet. Jetzt ist es das Hotel und Restaurant "Neiburgs". Große Schaufenster schmückte die erste Etage des Gebäudes. Hinter jedem Fenster befand sich ein kleiner Laden, wo Brot, Kerosin, Gemüse und andere Sachen des täglichen Bedarfs der schnell wachsenden Stadt verkauft wurde. Damals war die Altstadt von Riga noch kein bekanntes Reiseziel für Touristen, doch heute kennt man die sehenswerten Straßen, wo so viele historische Gebäude mit Hotels, Restaurants und Bars Nachbarn sind.

Ludvigs Neiburgs auf einem Ball

Ludvigs Neiburgs auf einem Ball

In die Geschichte ging Ludvigs Neiburgs jedoch weniger mit seinen eigenen Miethäusern ein, sondern am bekanntesten sind drei Errungenschaften. Dazu zählt die für damals einzigartige Brücke über den Gauja Fluss in Sigulda, die während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde, aber später wieder in ihrem ursprünglichen Aussehen wiedererbaut wurde. Die zweite Errungenschaft war der Bau von Zuckerfabriken in Jelgava und anderen Städten Lettlands. Zucker wurde aus Zuckerrüben, die von lettischen Bauern angebaut wurden, hergestellt. Diese Fabriken waren bei den Letten besonders beliebt, weil sie in keiner Weise an die neu gebauten militärisch-industriellen Fabriken der sowjetischen Ära erinnerten. Zuckerfabriken wurden immer mit Nostalgie erwähnt und man erinnerte sich gerne an die guten alten Zeiten, als man sich drei Löffel Zucker im Tee gönnen konnte. Deshalb wird die Schließung der Zuckerfabriken nach Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands als Tragödie der Volkswirtschaft gesehen.

Die ehrgeizigsten, interessantesten und einfallsreichsten Bauten Ludvigs Neiburgs sind leider bis heute nicht erhalten geblieben. 1873 entstand nach dem Brauch des deutschen Chorgesangs das allgemeine lettische Sängerfest. Der Höhepunkt des Festes ist ein grosser Chor, der aus verschiedenen lokalen Chören aus der ganzen Region entsteht. Es kommt eine große Anzahl von Sängern zusammen, und noch größer ist die Zahl von Mithörer und Zuschauer.

In Riga gab es keinen geeigneten Ort, der so viele Teilnehmer aufnehmen könnte, deshalb wurden jedes Mal neue Bühnen und Sitzplätze für die Zeit des Sängerfestes gebaut. Auch Verkaufsstände und Restaurants wurden nicht vergessen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als Lettland seine Freiheit verlor und Teil der Sowjetunion wurde, wurde ein dauerhafter Veranstaltungsort erbaut. 1955 wurde für das Sängerfest die Mežaparks-Bühne errichtet. Davor fand das Sängerfest an verschiedenen Orten statt und jedes Mal wurden die benötigten Bauten von neu gebaut und danach abgerissen. In der Regel handelte es sich um schnell zu bauende Holzkonstruktionen, doch die bekanntesten lettischen Architekten dieser Zeit wurden mit den Entwürfen beauftragt, denn das Sängerfest wurde schnell zu einem wesentlichen Teil des nationalen Selbstbewusstseins, der lettischen Identität und des Wunsches nach Souveränität. Die Bühnen sind schon längst abgerissen, Zuckerfabriken in Jelgava und anderswo geschlossen, doch der Name Neiburgs ist im Gebäude der Altstadt von Riga mit dem Hotel und dem Restaurant verewigt.

Ludvigs Neiburgs mit seinem Auto

Ludvigs Neiburgs mit seinem Auto