Juli 14, 2020

Sängerfest

Die in Deutschland, Österreich und der Schweiz geborene Tradition des Sängerfestes wurde von Deutschbalten in das Baltikum gebracht, damals Teil des russischen Imperiums.

Autor: Pauls Bankovskis

Die in Deutschland, Österreich und der Schweiz geborene Tradition des Sängerfestes wurde von Deutschbalten Mitte des 19. Jahrhunderts in das Baltikum gebracht, damals Teil des russischen Imperiums. In größeren und kleineren Städten wurden Gesangsgruppen oder Chöre gegründet, und ab und an trafen sich die Chöre zu einem gemeinsamen Fest des Gesangs. So begann die Tradition des Sängerfestes.

Als die Leibeigenschaft im russischen Imperium abgeschafft wurde, erlangte die baltische Bevölkerung neue Rechte und Freiheiten. Die Menschen konnten sich jetzt frei bewegen, ihren eigenen Wohnort wählen, Eigentum erwerben, öffentliche Organisationen gründen und sich bilden. Letten, die an den Universitäten von Dorpat und St. Petersburg ausgebildet worden waren, forderten ihre Landsleute auf, sich ihrer nationalen Identität bewusst zu werden, ihr nationales Erbe zu schätzen und Traditionen aufrechtzuerhalten. Die Grundlage der lettischen Folklore ist eine mündliche Form von Volksliedern, die sogenannten Dainas, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Der lettische Folklorist und Schriftsteller Krišjānis Barons (1835-1923) sammelte und schrieb 268 815 Volkslieder auf, doch er war kaum der Einzige, denn deutschbaltische Literaten begannen dies bereits im 18. Jahrhundert. Krišjānis Barons lagerte und systematisierte seine Sammlung von Volksliedern in einem speziell angefertigten Schrank mit vielen Schubladen. Heute ist diese Sammlung in der Liste des Weltdokumentenerbes der UNESCO aufgenommen.

Mit der Verschmelzung der Traditionen des Volksgesangs und der deutschbaltischen Chorgesangsbewegung wurde das Sängerfest immer beliebter. Solche Feste fanden sowohl in Städten als auch in weiteren Regionen statt. Chöre aus der gesamten baltischen Region kamen 1857 in Tallinn und 1861 in Riga zusammen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die lettische Gesellschaft in Riga gegründet und entwickelte sich schnell zum Zentrum des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens der Letten. 1873 veranstaltete die Rigaer lettische Gesellschaft das erste allgemeine lettische Sängerfest in Riga, an dem Chöre aus ganz Lettland teilnahmen. Bis heute findet alle fünf Jahre ein Sängerfest in Lettland statt. Seit 1948 nehmen auch Volkstänzer teil und das Fest wurde zum lettischen Sänger- und Tanzfest. Seit 1960 findet auch ein Sänger- und Tanzfest der Schuljugend Lettlands statt, und während der sowjetischen Besatzung organisierten lettische Emigranten Sängerfeste außerhalb Lettlands.

Heutzutage kommen zum Sängerfest mehr als 30 000 Sänger zu einem Chor zusammen. Angesichts dieser großen Teilnehmerzahl ist die Organisation im Laufe der Zeit zu einer ständig wachsenden organisatorischen und logistischen Herausforderung geworden. Von Anfang an war die größte Herausforderung der Veranstaltungsort selbst.

Ludvigs Neiburgs ältester Sohn Andrejs

Ludvigs Neiburgs ältester Sohn Andrejs

Größtenteils haben die Sängerfeste in Riga stattgefunden, und es gab nur eine Ausnahme, als das 4. Gesangsfest in Jelgava, der Hauptstadt der Provinz Kurzeme, stattfand. Veranstaltungsorte in Riga waren der Esplanade-Platz, der einst von der Armee als Trainingsgelände genutzt wurde, als auch der heutige Siegespark. Nur zum Zeitraum der Festlichkeiten wurden Bühnen und Sitzplätze für das Publikum gebaut, manchmal sogar mit einem Dach, um die Teilnehmer vor Sonne oder Regen zu schützen.

Obwohl es sich bei den Bühnen nur um vorläufige Gebäude handelte, waren die bekanntesten Architekten der Zeit am Werk - der erste akademisch ausgebildete lettische Architekt Jānis Baumanis (1834-1891), Konstantīns Pēkšēns (1859-1928), Ernests Pole (1872-1914) , Pauls Kundziņš (1888-1983) und andere.

Bauunternehmer und Immobilieneigentümer Ludvigs Neiburgs war mehrere Jahre Mitglied des Baukomitees des Sängerfestes. Später wurde seine Firma auch mit dem vom Architekten Aleksandrs Birznieks (1893-1980) entworfenen Bau der Bühne 1931 und 1933 beauftragt. Schon damals war die Teilnehmerzahl recht beachtlich und es mussten Plätze für 12 000 Sänger und 34 000 Zuhörer sichergestellt werden. Obwohl die Gebäude nur vorübergehend standen, wollten Architekten und Bauherren sie nicht nur funktional, sondern auch eindrucksvoll gestalten. Die Bühne war mit Türmen und Säulengängen geschmückt und es wurden ausgiebig verschiedene ethnografische Motive verwendet.

Ludvigs Neiburgs war ein praktischer Mann, dass man gut an seiner Herangehensweise an den temporären Bauten erkennen kann. Heute kennt man das als Wiederverwendung oder Recycling und abfallfreie Technologie. Nach dem Sängerfest wurden die Konstruktionen sorgfältig abgebaut und die Materialien für den Bau neuer Gebäude verwendet. Einige der Häuser sind in Jūrmala immer noch zu sehen, darunter luxuriöse Villen und Sommerresidenzen wohlhabender Rigenser.

Am Sänger- und Tanzfest 2018 nahmen 43 000 Sänger und Tänzer teil, die Besucherzahl betrug 500 000.